• Silke Naun-Bates

Nichts lässt sich erzwingen

Alles hat seine Zeit, seinen Rhythmus. Auch Ungeduld beschleunigt ihn nicht.

Es ist 4:18 Uhr und ich bin wach. Hellwach, obwohl ich erst nach 1:00 Uhr ins Bett bin. Kurz wehre ich mich gegen das Wachsein zu dieser Uhrzeit und drehe mich wieder um. Doch an Schlaf ist nicht zu denken. Ich stehe auf, bereite mir einen Kaffee zu, öffne die Haustür und lausche dem Beginn des Tages. Die ersten Vögel trällern bereits fröhlich und begrüßen das beginnende Licht. Eine Schnecke zieht gemächlich an mir vorbei, ein Eichhörnchen springt von Baum zu Baum. Wie ich diese Zeit am Morgen genieße.


Joe und Sita schlafen noch, unsere Katze ist noch unterwegs. Katzi, wie wir sie mangels passenden Namen nennen, ist eine Nachtschwärmerin und ich bin gespannt, wie sie heute aussieht, wenn sie nach Hause kommt. Oft sieht sie aus, als wenn ihr Weg sie mitten durch Spinnennetze geführt hat und manchmal ist sichtbar, dass sie einige Kämpfe ausgefochten hat. Ja, das Leben scheint auch für eine Katze nicht immer einfach zu sein. Schade, dass sie mir von ihren Abenteuern nicht mehr erzählen kann. Seit acht Monaten gehört sie nun zu unserer Familie und ihre Entwicklung mitzuerleben ist einfach wunderschön. Von der ersten nächtlichen „Baumrettung“ mit Leiter und Taschenlampe zu Beginn ihrer nächtlichen Ausflüge über die ersten Mäuse, die sie versuchte zu fangen bis heute. Eine elegante Jägerin und neugierige junge Dame ist sie geworden. Manchmal verspielt, meistens verschmust und immer hungrig. Sie ist nicht unsere erste Katze und auch nicht die erste ohne Namen.


Namenlos zu sein ist etwas Wundervolles. Keine vorgefertigten Bilder, die mit dem Namen einhergehen. Immer wieder neu entdecken, erforschen, sich überraschen lassen. Mich beim Blick in den Spiegel immer wieder zu fragen: „Wer bist du? Wie geht es dir heute? Wer möchtest du heute sein? “ Es ist ein Unterschied, ob ich morgens in den Spiegel schaue und mich mit einem „Guten Morgen, Silke“ begrüße oder mir in meinem Blick selbst begegne. Eintauche in die Vielfalt, die sich hinter dem Namen Silke verbirgt. Mein Selbstbild durchdringe, mir offen begegne und mich überraschen lasse, von dem was sich mir offenbart. Zu wissen, dass ich die Wahl habe zu definieren, wer ich heute sein will. Mich zu fragen, in welcher Rolle ich mich ausdrücken möchte. In der Gewissheit, dass ich frei bin, sie jeden Augenblick wechseln zu können.


Noch vor ein paar Jahren wäre ich niemals auf so eine Idee gekommen. Da war Silke einfach Silke. Kein Spielraum für Entfaltung und Selbst-Überraschungen. Beim morgendlichen Blick in den Spiegel entsprang mein erster Gedanke dem Bild, welches Silke von sich hatte, wenn sie frisch, munter und optimistisch in die Welt blickte. Da dies selten der Fall war, fiel meine morgendliche Begrüßung wenig charmant aus: „Oh Gott, wie siehst du denn wieder aus?! Wo ist mein Make up?“ Rasch übermalte ich meine Unzufriedenheit und begab mich mit perfekter Maske in die Anforderungen des Tages. Von wirklicher Lebendigkeit keine Spur. Kannst du dir vorstellen, dass ich damals nicht einmal den Müll vor die Tür gebrachte habe, ohne mich zu schminken? Wenn ich heute daran denke, muss ich grinsen. Was habe ich nicht alles dafür getan, dass Silke Silke bleibt. Für sich selbst und für andere. Bloss nicht aus der Rolle fallen. Schön drinbleiben. Das ist sicherer. Vom jetzigen Blickwinkel aus kann ich das sagen, zu der damaligen Zeit, waren mir solche Gedankengänge fremd. Silke war Silke. Punkt und Ende.


Heute mag ich es, wenn ich zum Beispiel für Fernsehauftritte geschminkt werde. Ich genieße die Verwandlung, doch ich bin sie nicht mehr. Mich selber schminke ich an manchen Tagen ein wenig, an anderen wieder gar nicht. Je nachdem, wozu ich Lust habe.


In Phasen, in denen ich merke, dass eine innere Wandlung sich vollzieht, drückt sich diese meist in einer Veränderung meiner Haarpracht aus. So wie gerade jetzt. Dieser Prozess begann letztes Jahr im Dezember und ist noch anhaltend, doch ganz sanft und zart entwickelt sich ein neuer Aspekt meines Silke-seins. Wohin wird er mich führen? Ich weiß es nicht. Doch eines weiß ich sicher. Er wird mich weiter herausfordern. Weiter als ich es mir jemals vorstellen konnte. Habe ich Angst? Ja, ein wenig, Nicht zu wissen, wohin der Weg mich führt fördert Angst zutage, doch die vorfreudige Spannung überwiegt. Das Unbekannte lockt oder vielleicht ist es auch nur das Erinnern an etwas, was bisher noch verbogen war. Wer weiß?


Wenn ich eines in den letzten Jahren gelernt habe, dann ist es, dass sich nichts erzwingen lässt. Weder die Realisierung meiner Träume, noch mein persönliches Wachstum. Alles hat seinen eigenen Rhythmus und kommt zu der Zeit, in der ich reif dafür bin. Das einzige, was ich tun darf ist meinen Essen-Rhythmen zu lauschen, mich von ihnen führen zu lassen und zum gegebenen Zeitpunkt zu handeln.


Dies hört sich so einfach an, doch ist das eine der größten Herausforderungen für einen Menschen der modernen Welt wie mich. Konditioniert auf Leistung, Erfolg, Geld und Anerkennung hatte ich den Eindruck nichts wert zu sein, wenn ich "nichts tue". Dass im Nichtstun jedoch der größte Schatz verborgen liegt, den ich bergen kann, wurde von mir ignoriert und missachtet. Ich bezeichnete mich selbst als faul, den Hintern nicht hochkriegend oder suchte ohne Ende nach Blockaden, die dafür verantwortlich waren, dass ich noch immer nicht erfolgreich, glücklich und mit Millionen gesegnet bin. Ich probierte immer neue Dinge aus, die mir versprachen, dass bei Anwendung Glück, Erfolg, Gesundheit und Wohlstand auf mich warten. Und es machte Spaß diese Dinge auszuprobieren und zu erleben, wie Veränderung eintritt. Doch wie oft waren sie wirklich nachhaltig? Und wann wurde aus der Freude am Neuen ein konditioniertes Muss? Heute muss ich meditieren, Yoga machen, im Wald spazieren gehen, oh Gott, und meine Ernährung muss ich auch noch umstellen, Kaffee soll auch nicht so gut sein, von Zucker ganz zu schweigen, also auch keine Schokolade mehr. Aber lachen, das darf ich noch. Ach nein, das muss ich jetzt: ich muss ja schließlich schon mal so tun, als ob ich all das erreicht habe, was ich mir wünsche, dann klappt das mit Verwirklichung schneller.

Ja, all diese Aussagen haben ihre Berechtigung, doch wenn ich sie nur auf der Verstand- und Handlungsebene umgesetzt habe fehlte ihnen der Part wirklicher Erfüllung. Dann erlebte ich zwar Glücksmomente in Form von Emotionen doch niemals wahrhaftige Erfüllung. Das wonach ich mich so sehr sehnte zeigte sich im Raum des Nichtstuns. Hier entstand der Raum für tiefe Freude, Erfüllung und Glücklichsein. In diesem Raum fand ich Zugang zu meinem wahren Selbst oder auch meiner Seele oder Stimme des Herzens, wenn du diese Ausdrücke lieber magst. Ich mag sie alle.

Es ist dieser Zugang, der den Unterschied bewirkt. Als ich ihn (wieder)entdeckte endete das Leiden und freudige Dankbarkeit begann sich ihren Weg in mein Leben zu bahnen. Ab diesem Moment meisterte ich schwierige und schmerzhafte Erlebnisse in Würde und Demut. Jeder Moment gleicht seit dem einem Quell der Erfüllung unabhängig davon, wie ich mich gerade emotional fühle.


Meiner Seele zu lauschen ist nichts, was ich auf einen Tag in der Woche festgelegt hatte. Sie meldete sich und fragte nicht lange, ob es mir gerade in meinen Zeitplan passte. Sie meldete sich oft, doch es lag an mir ihrem Ruf zu folgen. Ich bin ihr unendlich dankbar, dass sie nicht aufgehört hat zu rufen. Was durchaus nachvollziehbar für mich gewesen wäre. Ich kann ein ganz schöner Sturkopf sein. Heute ist die Verbindung zu ihr für mich selbstverständlich und natürlich.


Glücklichsein ist meine Wahl. Es ist die Wahl, dem Ruf meiner Seele zu folgen.


Bedingungslos.

© 2020 by Silke Naun-Bates

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